Luzerner Zeitung

9. April 2025

Selbst Teenies wollen ein Autogramm

Ein «Start-up» macht Schule: Die «Melody Factory» bringt klassische Musik märchenhaft-cool zu 1500 Jugendlichen.

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Urs Mattenberger, Luzerner Zeitung

In klassischen Konzertprogrammen in unserer Region, die sich vor allem an Kinder und Jugendliche richten, taucht immer häufiger der Name «Melody Factory» auf. Wie breit deren Aktivitäten gestreut sind, zeigt eine Reihe von Veranstaltungen in den nächsten Wochen.

Da geben Musiker Konzerte für Schüler in Küssnacht, Greppen und Vitznau. Im Orchesterhaus im Südpol treten am 11. April vor den Schulklassen des Gymnasiums St.Klemens sowohl Schüler der Schule wie auch Musiker auf. «Rising Talents» der Musikhochschule Luzern stellen sich am 25. April unter dem Label «Melody Factory Now» in der St.Charles Hall in Meggen vor. Eine «Familien-Matinee» lädt am 27. April – wiederum im Orchesterhaus – zu einer auf grossformatigen Bildschirmen bunt bebilderten Reise durch die Tierwelt ein. Alle diese Anlässe, auch jene, die sich an Schüler richten, sind öffentlich zugänglich.

Umzug von Russland in die Schweiz

Rätselhaft bleibt zunächst, wer hinter dieser Stiftung steht, die gemäss Homepage klassische Musik Kindern und Jugendlichen nahebringen will. Dass sie von der Russin Natalia Likhacheva gegründet wurde, die mit ihrer Familie in Weggis wohnhaft ist, ist aus der Homepage nicht ersichtlich. Der Name «Melody Factory», Englisch als Grundsprache der Homepage und eine – einmalige – Zusammenarbeit mit der «Four Forest International School» lassen zunächst an eine Aktivität von und für Expats denken.

Aber bei einem Treffen zerstreut die Initiantin Natalia Likhacheva – auf Deutsch – diese Vermutung. «Nein, die Homepage entstand ursprünglich in deutscher Sprache, erst nachträglich wurden Englisch, Französisch und Italienisch hinzugefügt», beteuert die studierte Soziologin, die vor zehn Jahren «wegen der politischen Veränderungen in Russland» in die Schweiz gezogen ist. «Angefangen hat die ‹Melody Factory› mit Konzerten an den Schulen in Weggis, weil ich da zu Hause bin. Von da aus kamen die Schulen in Weggis’ Nachbarschaft hinzu. Jetzt weiten wir die Aktivitäten auf Schulen in Luzern, Schwyz und Uri aus, die Interesse zeigen an der Idee, klassische Musik an Schüler zu vermitteln.»

Welche Motivation steht hinter diesem Engagement, das in diesem Schuljahr über 1500 Schüler erreicht? Natalia Likhacheva wurde 1974 in Moskau geboren und besuchte, wie alle Kinder in der ehemaligen Sowjetunion, zehn Jahre lang die Musikschule. «Dass ich Klavier spielen lernte, war das eine. Aber viel wichtiger war, dass in mir dadurch die Liebe zur klassischen Musik geweckt wurde», betont sie. Als sie mit Mann und Tochter in die Schweiz zog, stellte sie fest, dass manche Kinder kaum die Chance haben, die «Magie» dieser Musik überhaupt kennenzulernen, es sei denn, sie bekommen sie im Elternhaus vermittelt.

Dass das nicht an der klassischen Musik selber liegt, sah sie bei ihrer Tochter, die sie regelmässig an Konzerte mitnahm. «Inzwischen ist sie wegen des Studiums nach Zürich gezogen. Aber sie besucht weiterhin sicher sechzig Konzerte im Jahr», freut sich die Mutter: «Und das, obwohl sie früh feststellte, dass es in diesen Konzerten kaum Teenager gibt und die Vierzigjährigen als jung gelten.»

Um daran etwas zu ändern, gründete Natalia Likhacheva vor einem Jahr die Stiftung «Melody Factory». Vorerst finanziert sie dieses «Start-up»-Unternehmen aus Spenden und eigenen Mitteln, sucht aber Unterstützung bei Stiftungen. Denn die «Melody Factory» zahlt nicht nur namhaften Musikern wie dem Pianisten Benjamin Engeli oder dem Geiger Ronny Spiegel, sondern auch auftretenden Musikstudenten eine Gage. Zudem fallen Saalmieten mehr ins Gewicht, seit die «Melody Factory» ihre Aktivitäten über die Schulen hinaus ausweitet.

Visuals und Gespräche sind auch für Teenager cool

Neben dem hohen künstlerischen Niveau ist Likhacheva der Rahmen der Schulkonzerte wichtig, zu dem immer Bildschirme, eine Erzählung und Gespräche gehören. Für die jüngeren Kinder werden die gespielten Werke in eine märchenartige Geschichte eingebettet und von einem Maskottchen, dem Drachen Ludwig, begleitet. «Für Schüler ab zwölf Jahren erzählen wir andere Geschichten», sagt sie: «Aber der Drache Ludwig ist auch da mit von der Partie, weil selbst Teenager ihn mögen. Sogar 15-Jährige umarmen ihn oder wünschen sich von ihm Autogramme auf ihre Sneakers!»

So will Likhacheva altersgerechte Zugänge zur klassischen Musik schaffen. Alle Ebenen kommen auch in den anderen zwei «Melody-Factory»-Formaten zum Zug. In der Reihe der «Now»-Konzerte, die Studierenden der Musikhochschule Luzern eine Plattform bieten, gibt es Gespräche mit den Musikern, eine Einstimmung zu den Werken und coole Visuals auf Bildschirmen. Dasselbe gilt auch für die Familienkonzerte, in denen neben den Musikern die Sängerin Samantha Herzog als Erzählerin mitwirkt.

Klassische Musik wie Sport «in den Alltag integrieren»

Konzerte für Kinder und Jugendliche bieten auch andere Veranstalter an – altersmässig bis hin zu den Krabbelkonzerten am Luzerner Theater. Wieso unterstützt und fördert die «Melody Factory» nicht einfach bereits bestehende Angebote? «Wir haben in Kooperation mit Lucerne Festival und dem Luzerner Sinfonieorchester auch schon Schulklassen zu Konzerten im KKL eingeladen», sagt Likhacheva: «Aber unser Hauptanliegen ist es, umgekehrt klassische Musik in die Schulen zu bringen. Zum einen, weil dabei Reisen und Kosten wegfallen. Zum anderen kann man an Schulen Kinder und Jugendliche für diese Musik begeistern, die in ihrem Umfeld nicht mit klassischer Musik in Berührung kommen.»

Wichtig ist ihr, dass diese kostenlosen Schulbesuche regelmässig wiederholt werden, nämlich viermal pro Schuljahr in den Schulen, die dafür eine Lektion zur Verfügung stellen: «Wenn Schüler diese Musik nur einmal im Jahr hören, geht der Eindruck rasch vergessen. Mit regelmässigen Schulbesuchen möchten wir dazu beitragen, dass Musik in den Alltag integriert wird wie der Sport.» Und sie fügt als Soziologin hinzu: «Weil klassische Musik die Aufmerksamkeitsspanne erhöhen kann, ist sie, wie überhaupt Kultur, ein wichtiges Gegengewicht zu den Auswirkungen der sozialen Medien.»

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